Was bleibt, was sich verändert
Wenn über künstliche Intelligenz gesprochen wird, geht es schnell um Modelle, Agenten und neue Tools. Das ist verständlich. Trotzdem beginnt die Diskussion in vielen Unternehmen an der falschen Stelle.
Bevor wir darüber sprechen, welche KI-Anwendungsfälle möglich sind, sollten wir eine andere Frage beantworten: Ist unsere Daten- und Prozesslandschaft überhaupt darauf vorbereitet?
Denn eine KI ist nur so hilfreich wie die Informationen, mit denen sie arbeitet. Wenn Daten fehlen, widersprüchlich sind oder fachlich nicht sauber eingeordnet werden können, wird auch das beste Modell keine verlässlichen Ergebnisse liefern.
ERP bleibt der Kern
Man hört immer wieder die Frage, ob KI ERP-Systeme irgendwann ersetzen wird. Ich halte das für die falsche Perspektive.
ERP bleibt der Ort, an dem zentrale Geschäftsprozesse zusammenlaufen. Hier werden Aufträge, Lieferungen, Buchungen, Planungsdaten und viele weitere Transaktionen verarbeitet. Hier liegen die Strukturen, Regeln und Zusammenhänge, auf die ein Unternehmen im Alltag angewiesen ist. Damit bleibt das ERP auch im KI-Zeitalter das zentrale System of Records des Unternehmens.
KI kann darauf aufsetzen. Sie kann Informationen schneller auswerten, Muster erkennen, Vorschläge machen oder einzelne Prozessschritte automatisieren. Aber sie ersetzt nicht die verlässliche Grundlage, auf der diese Entscheidungen beruhen. Oder einfacher gesagt: KI kann die Arbeit mit dem ERP verändern. Das ERP selbst bleibt die Basis.
Datenqualität wird zum entscheidenden Faktor
Die Diskussion über KI dreht sich oft um die Leistungsfähigkeit der Modelle. In der Praxis liegt die größere Herausforderung aber häufig woanders: bei den Daten.
Unvollständige Stammdaten, unterschiedliche Begriffe für denselben Sachverhalt, nicht gepflegte Informationen oder unklare Verantwortlichkeiten sind keine neuen Probleme. Mit KI werden sie sichtbarer, und ihre Folgen können größer werden. Denn wenn automatisierte Prozesse auf falschen oder unvollständigen Daten aufsetzen, werden Fehler nicht nur übernommen, sondern schneller weiterverarbeitet und vervielfacht.
Deshalb geht es nicht allein darum, Daten technisch sauber abzulegen. Es geht auch um fachliche Klarheit: Was bedeutet eine Information? Wer ist für sie verantwortlich? Welche Regeln gelten? Und wie verlässlich ist sie für eine automatisierte Entscheidung?
Wer KI sinnvoll einsetzen möchte, muss sich mit diesen Fragen beschäftigen. Nicht als Vorbedingung, die irgendwann einmal erfüllt sein soll, sondern als kontinuierliche Aufgabe.
Automatisierung braucht klare Verantwortung
KI wird viele Aufgaben verändern. Routinearbeiten können automatisiert werden, Informationen lassen sich schneller aufbereiten und Entscheidungen besser vorbereiten. Das bedeutet aber nicht, dass Menschen aus den Prozessen verschwinden. Gerade bei kritischen Vorgängen braucht es weiterhin Expertinnen und Experten, die Ergebnisse einordnen, Ausnahmen erkennen und Verantwortung übernehmen.
Eine KI kann Optionen vorschlagen, auf Risiken hinweisen oder Handlungsempfehlungen geben. Bei wichtigen Entscheidungen darf die Verantwortung jedoch nicht vollständig an ein KI-System delegiert werden. Das gilt insbesondere dann, wenn Daten nicht eindeutig sind, besondere Kunden- oder Geschäftssituationen berücksichtigt werden müssen oder eine Entscheidung weitreichende Folgen hat.
Die Rolle der Menschen wird sich deshalb verändern. Weniger Zeit wird für einfache Eingaben und standardisierte Freigaben benötigt. Dafür werden Prozessverständnis, Urteilsvermögen und die Fähigkeit, KI-Ergebnisse kritisch zu prüfen, wichtiger.
Der Go-live ist nicht das Ende
Ein weiterer Punkt wird in Transformationsprojekten oft unterschätzt: Der Go-live ist kein Endpunkt. Wer auf S/4HANA, Cloud-Technologien oder KI setzt, baut keine fertige Zielarchitektur für die nächsten zehn Jahre. Unternehmen schaffen damit eine Grundlage, die laufend weiterentwickelt werden muss: Neue Anforderungen entstehen, Prozesse ändern sich, Datenquellen kommen hinzu und Technologien entwickeln sich weiter.
Entscheidend ist deshalb nicht nur, eine moderne Systemlandschaft aufzubauen. Entscheidend ist auch, sie dauerhaft weiterentwickeln zu können. Das betrifft Technik, Daten und Prozesse gleichermaßen. Und es betrifft die Organisation: Wer übernimmt Verantwortung? Wie werden Veränderungen entschieden? Wie werden neue Anwendungen getestet und kontrolliert?
Nicht beim Tool anfangen
Wenn Unternehmen fragen, wie sie mit KI starten sollten, lautet meine Antwort selten: mit einem bestimmten Tool. Ein sinnvoller Einstieg beginnt mit einem konkreten Problem oder Prozess. Wo entstehen heute unnötige manuelle Aufwände? Wo fehlen Informationen für gute Entscheidungen? Wo gibt es wiederkehrende Aufgaben, bei denen KI wirklich unterstützen kann? Gleichzeitig müssen Datenbasis, Architektur, Integration und Governance von Anfang an mitgedacht werden. Sonst bleibt ein KI-Pilot ein interessanter Einzelfall, der sich nicht in die Breite bringen lässt.
Es geht also nicht darum, möglichst schnell möglichst viele KI-Anwendungen einzuführen. Es geht darum, die richtigen Anwendungsfälle auf einer belastbaren Grundlage umzusetzen.
Die Zukunft liegt nicht im Gegensatz von ERP und KI
ERP bleibt das verlässliche Fundament für Daten, Transaktionen und Geschäftsprozesse. KI kann dieses Fundament intelligenter nutzbar machen, Prozesse vereinfachen und Mitarbeitende bei Entscheidungen unterstützen. Je stärker Unternehmen automatisieren, desto wichtiger werden jedoch saubere Daten, klare Prozesse und eindeutige Verantwortung. KI macht ERP nicht überflüssig. Im Gegenteil: Je intelligenter und autonomer Prozesse werden, desto wichtiger sind ein leistungsfähiges ERP und eine verlässliche Datenbasis.
Wenn Sie tiefer in das Thema eintauchen möchten, hören Sie sich die neueste Episode des Podcasts „The Future of ERP“ mit dem Titel „Will ERP Die in the Age of AI“ an.
